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Soner Tuna

"Es ist besser das Leben, als die Ehre zu verlieren"
Eigenverantwortung aus transkultureller Perspektive  *Anmerkung

Erschienen in: Neubauer, B. (Hrsg.), Anthologie "Eigenverantwortung", Licet Verlag, Waake 1998

Wenn wir uns mit menschlichen Phänomenen beschäftigen, so nähern wir uns diesen unwirkürlich mit einer Vorstellung über den Menschen. Wir gehen von Annahmen und Sichtweisen über das Funktionieren von Menschen aus. Diese Grundannahmen basieren auf einer Menschenbildkonzeption und einem Weltbezug, also einer Wirklichkeitskonstruktion. Diese Konzeption und Konstruktion lebt von Wert- und Sinnfragen.
Eigenverantwortung und damit auch Selbstverantwortung und die Verantwortung für das eigene Ich, ist stark von der kulturellen Wertigkeit dieses (Persönlichkeits-)merkmals abhängig. Die Bedeutung des Ich, als rationale reflektierende Instanz im Freudschen Sinne basiert auf einem Kulturstandard nach westlichem Menschenbild.
"Unter Kulturstandard werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieses Standards beurteilt und reguliert. Als zentrale Kulturstandards sind solche zu bezeichnen, die in sehr unterschiedlichen Situationen wirksam werden und weite Bereiche der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handelns regulieren und die insbesondere für die Steuerung der Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsprozesse zwischen Personen bedeutsam sind" (Thomas 1993:381).
Bei der Betrachtung der Eigenverantwortlichkeit aus transkultureller Perspektive stoßen wir auf Fragen nach Unterschieden und Ähnlichkeiten von menschlicher und damit psychischer Entwicklung und nach Bestimmungsstücken unterschiedlicher Weltbezüge.
Im folgenden möchte ich auf die Unterschiedlichkeit von der Wert- und Sinnfrage bzgl. der Eigenverantwortung am Beispiel orientalischer Kulturen näher eingehen.

Kulturen unterscheiden sich u.a. durch ihren Umgang mit Sanktionen und Beschränkungen. Der "locus of control" (Rotter) ist der Grad der Internalisierung der Eigenverantwortlichkeit bzgl. der Einhaltung von Richtlinien und Verboten. Beim "locus of control" handelt es sich um generalisierte Kontrollüberzeugungen; zentral ist hier die Frage, ob eher internale, im Individuum selbst liegende Ursachen oder eher externale, auf andere Menschen wirkende bzw. auf die Umwelt zurückgehende Ursachen im Leben eines anderen Menschen bestimmend sind.
Bei den "internalisierenden Kulturen" (eher westlich geprägte Kulturen) werden die Verhaltensrichtlinien verinnerlicht, d.h. daß starke Anforderungen an die 'Moral' und das 'Gewissen' des Einzelnen gestellt werden. "Externalisierende Kulturen" sorgen hingegen durch strenge Kontrolle der situativen Faktoren dafür, daß gegen allgemeingültige Verhaltensnormen nur unter größten Schwierigkeiten verstoßen werden kann. Bei Verstößen gegen die Norm werden außer Persönlichkeitsvariablen in starkem Maße situative Faktoren verantwortlich gemacht (situative Kausalattribution). Die starke soziale Kontrolle läßt dem Einzelnen nur geringen persönlichen Freiraum (vgl. Özelsel 1990). In externalisierenden Kulturen ist das Zusammenleben stark von dem Einfluß anderer abhängig. Konzepte über das "Ich" sind nicht individualistisch getönt, wie dies in der westlichen Auffassung über die Persönlichkeit eines Menschen vorherrscht. Ein Angehöriger dieser Lebensform sieht sich in Verbindung zu den anderen und beschreibt sich selbst auch über andere: zum Beispiel "Ich bin der Sohn von ...". Im angestrebten Idealfall entsteht durch gegenseitige Ergängzung eine Art "Kollektivwesen" (Özelsel). Dieses Lebensgefüge läßt sich ähnlich wie ein Organismus beschreiben. Alle einzelnen Teile (Organe) wirken in Abhängigkeit zueinander zusammen und können erst dadurch als Gesamtes existieren. Die Wirklichkeitskonstruktion ist mit den "Anderen" verbunden. Der Einzelne ist wichtig im Sinne seiner Einbettung in die übergeordneten Systeme der Familie und näherer Umgebung (Nachbarschaft). Hierbei überwiegt der "kollektive Gedanke". Die gesellschaftlich definierten Funktionen und Organisationsstrukturen von Familie beinhalten kulturspezifische Sozialisationsziele mit sehr unterschiedlichen Erziehungspraktiken (vgl. Özelsel 1990).

Unterschiede in der Bewertung der Eigenverantwortlichkeit aus der Sicht der orientalischen Kulturen werden besonders in der Kindererziehung deutlich. Kindliches Verhalten, welches nicht den erwarteten Standards und Normen entspricht, wie zum Beispiel ungebührtiges Verhalten bei Besuchen, Lügen oder Stehlen, wird nicht als Schwäche der kindlichen Persönlichkeit, sondern als Schwäche und Versäumnis der Älteren, die Situation entsprechend zu strukturieren, angesehen.
Die Konzepte hiesiger Erziehungsvorstellungen , die vorwiegend auf der Förderung, Entwicklung und Stärkung von Handlungs- und Konfliktbewältigungskompetenz, Selbständigkeit, Unabhängigkeit sowie Entscheidungskraft und vor allem Eigenverantwortlichkeit aufbauen, entsprechen orientalischen Konzepten nur rudimentär. Die Kindererziehung sieht weniger die Förderung des Konzepts einer starken und eigenverantwortlichen Persönlichkeit vor, sondern ist erwartungsorientiert, im Sinne des Hineinwachsens und Übernehmens von alters- und rollenentsprechenden Kulturstandards.
Als oberstes Erziehungsziel gilt die An- und Einpassung des Kindes in das Kolletivgefüge. Erziehungsziel und damit die Aufgabe der Sozialisation ist die Begleitung in das Hineinwachsen in eine Rollenerwartung. Dementsprechend ist das praktische Erziehungsverhalten der Eltern von der Notwendigkeit geprägt, Kinder zum Gehorsam, Respekt und Achtung vor dem Ranghöheren zu erziehen. Einer Erziehung zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung wird weniger Gewicht beigemessen.
Achtung ist in seinen Äußerungsformen an die Einhaltung bestimmter formalisierter Verhaltensweisen - insbesondere gegenüber dem Vater und Älteren - gebunden. Die Nichteinhaltung bestimmter Verhaltensweisen wird als Achtungslosigkeit seitens des Kindes und als fehlende Autorität seitens des Vaters, der ein solches Verhalten duldet, interpretiert.
In seiner Position als Haushaltsvorstand hat der Vater unter anderem die Aufgabe, das Verhalten der übrigen Familienmitglieder zu kontrollieren und seine Kinder bei ungebührlichem Verhalten zu bestrafen, um Normabweichungen zu verhindern. Es herrscht ein patriarchalisch hierarchische Familienstruktur vor. Alle Familienbeziehungen und Verhaltensweisen der einzelnen Familienmitglieder orientieren sich am Vorrang und der Autorität des Vaters und an einer, von allen anerkannten familiären Rangordnung, die sich aus dem Geschlecht, dem Alter und der verwandtschaftlichen Position innerhalb der (Groß)familie ergibt.
Die Respektierung der Autorität des Vaters zeigt sich nicht nur in der Unterwerfung unter die Entscheidungen des Vaters, sondern auch im Verbot, unaufgefordert in Anwesenheit des Vaters zu sprechen, im Beisein des Vaters, eines älteren Bruders oder Onkels zu rauchen, über alle finanziellen Einnahmen der Familienmitglieder zu verfügen und kann bis zu der Mitwirkung bei der Brautwahl gehen. Gehorsam spielt eine zentrale Rolle.

Wert- und Sinnfragen
"Es ist besser das Leben, als die Ehre zu verlieren", so ein türkisches Sprichwort. Die Ehre ist die zentralste Wert- und Sinnfrage des Lebens in diesen Kulturkreisen. "Die Ehre ist das Einzige, wofür es sich lohnt zu leben." Den Wert, den man auf die Ehre legt, betont die Bedeutung der eigenen Integrität und Unversehrtheit, sowie der nächsten Angehörigen (vgl. Schiffauer 1980). Die Ehre als Wert- und Sinnfrage ist der Kristalisationspunkt des Lebens.
Semantisch läßt sich "Ehre" in der türkischen Sprache in drei Hauptbereiche aufteilen: namus, ºeref und onur.

Die Ehre (Namus) des Mannes
Namus des Mannes ist kurz nach der Heirat und später noch einmal, wenn seine Töchter heiratsfähig werden, am verletzlichsten. Die Ehefrau stellt die größte Gefahr für die Ehre des Mannes dar, da sie es ist, die die Ehre am nachhaltigsten ruinieren kann. Die Ehre des Mannes ist angegriffen, wenn eine unerlaubte Überschreitung der Grenze seines Besitzes stattfindet, wenn es zu einer Annäherung eines anderen Mannes an die ihm zugehörigen Frauen kommt oder wenn er oder ein Angehöriger seiner Familie verbal oder physisch angegriffen werden. Mit dem Ehrbegriff des Mannes wird Männlichkeit, Stärke, Selbstbewußtsein, in der Lage sein, die Frauen seiner Familie davon abzuhalten, ihre Ehre aufs Spiel zu setzen, assoziiert. (vgl. auch Petersen 1985)

Die Ehre (Namus) der Frau
Der Begriff Namus bezieht sich bei der Frau vor allem auf die Sexualität. Namus kann nicht erworben werden. Eine Frau kann nur Namus besitzen oder diese beflecken bzw. verlieren. Eine Frau befleckt ihre Ehre , wenn sie vor oder außerhalb der Ehe mit einem Mann sexuell verkehrt oder sich in eine Situation begibt oder gezwungen wird, in der dies möglich wäre. Unabhängig davon, was tatsächlich geschieht, genügt die Möglichkeit, daß hätte etwas geschehen können, um sie zu entehren. Diese Entehrung ist dann endgültig.
Geht die Frau eine voreheliche oder außereheliche Beziehung ein, so setzt sie neben ihrer Ehre zugleich die Ehre ihres Mannes und die Ehre ihrer ganzen Familie aufs Spiel. Sie gilt als ehrlos und schmutzig (befleckt). Für die Frau gebietet der Ehrbegriff Keuschheit, sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe, Beschränkung ihrer sexuellen Beziehung auf die Ehe.

Onur und Seref
Diese Begriffe beziehen sich auf die Ehre des Mannes in öffentlichen Beziehungen. ªeref können nur Männer besitzen, da dieser Wert in den öffentlichen und politischen Beziehungen eine Rolle spielt, die die Männer unterhalten. Sie beziehen sich auf die Stellung des Mannes innerhalb der Gesellschaft.
Männer begegnen sich als Repräsentanten ihrer Familie und damit ihrer Ehre. Ein Mann hat die Aufgabe, seine Ehre zu verteidigen. Verliert zum Beispiel eine Frau ihren "Ruf", so ist der Mann dafür verantwortlich in dem Sinne, daß er nicht auf sie aufpassen konnte. Damit wird seine Ehre angetastet. Der Verlust der Ehre ist gleichbedeutend mit dem öffentlichem Verlust des "Gesichts".

Dieses rigide Wertsystem bedeutet eine Einschränkung der individuellen Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten. Ein Mensch, der sich nicht an die unumstößlich vorgegebene Normvorstellung hält, wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Durch das "organische Lebensgefüge" wird ihm gleichzeitig damit auch die Existenzgrundlage in dieser Gemeinschaft entzogen.

Wirklichkeitskonstruktionen und Eigenverantwortung
Wenn wir uns den oben beschriebenen Ausschnitt der Wirklichkeitskonstruktion näher vergegenwärtigen, so haben diese Implikationen weitreichende Folgen für das Veständnis dieser Menschen. Am Beispiel des möglichen Ehr- und Gesichtsverlustes der Familie soll diese Dynamik verdeutlicht werden. Ausgangssituation ist , daß ein türkisches Mädchen am Wochendend rauchend, heiter und vergnügt in einer Discothek von einem Landsmann beobachtet wird.
Gemäß der erwarteten Frauenrolle hat dieses Mädchen sich zu allererst nicht in einer Discothek aufzuhalten. Es ist ein Ort der Vernügung und potentieller sexueller Kontakte. Tut sie dies, so ergeben sich folgende Frageoptionen: Was will dieses Mädchen dort und warum ist sie nicht in kontrollierter Begleitung?
Entsprechend den Kulturstandards fängt eine Dynamik des Regelsystems an zu wirken. Eine Frau, die sich an so einem Ort aufhält muß eine sein, die sich von der vorgegebenen Rollenzuschreibung entfernt hat. Entfernt sich eine Frau von ihrer Geschlechterrollenzuweisung, so muß sie etwas normdifferentes im Schilde führen. Normdifferenz bezieht sich auf ihre Ehre (namus) als Frau (siehe oben). Sie begibt sich also in eine Situation in der es potentiell möglich wäre, daß sie einen sexuellen Kontakt eingeht. Allein sich von einem Mann ansprechen zu lassen reicht dafür aus. Mit dieser Einstellung, "ich kann in die Disco gehen und mich vergnügen" verletzt sie den Kulturstandard "Frauenrolle" und verliert dadurch ihr Ansehen (ihren "Ruf als Frau") und hat damit keine Existenzgrundlage in der Gemeinschaft. Sie hat eine Grenz- und Rollenverletzung begangen.
In Abhängigkeit des Beziehungverhältnisses zu der Frau(Verwandtschaft: Vater, Bruder, Onkel oder naher Bekannter der Familie oder nicht bekannt mit der Frau) des Landsmanns, setzen Wahrnehmungs- , Beurteilungs,- und Handlungsprozesse ein. Der Landsmann ist, wenn er mit der Frau im Sinne einer Verwandschaft oder Bekanntschaft mit der Familie zusammengehört, an der Situtation "beteiligt". Aus dem organischen Lebensgefüge heraus, ist er für das Ansehen der Familie und in "Vertretung" des Familienoberhauptes, für die Frau verantwortlich. Er muß in die Situation eingreifen und die Frau aus dem "schädlichen Milieu" entfernen, damit nicht weiterer Schaden für das Ansehen der Familie entsteht. Dies kann er autoritär durchführen, da sich die Frau nicht mehr nach den Regeln verhält. Entsprechend der Erziehungsvorstellung muß sie notfalls gewaltsam zum Gehorchen angeleitet werden. Der Eingriff in die Situation muß erfolgen. Würde der ihr nahestehende Landsmann nicht eingreifen, so würde er gleichzeitig bekunden, daß ihm an der Ehre der Familie und auch an seiner nicht sehr viel gelegen ist. Damit würde er auch dem Kulturstandard Ehrgefühl zuwiderhandeln. Dies ginge mit einer Abwertung und auch einer Ausgrenzung seiner Person aus der Gemeinschaft einher. Eine Person, die sich nicht den Regeln unterordnen kann, gefährdet das Kollektivgefüge und ist deshalb nicht haltbar. Er würde aus dem sozialen Netz ausgeschlossen werden.
Hierbei ist es völlig unerheblich, wie die eigene Einstellung der Frau und auch des Landsmannes zu der Situation: 'Ein türkisches Mädchen in der Disco' ist.
Wir sprechen hierbei von einer externalen Kontrollattribution, denn die auf den Kulturstandards basierienden Bewertungs- und Handlungskonzepte haben ihr Regulativ im Außen. Das was die "Anderen" über die Strukturierung dieser Situation denken könnten, ist die Handlungskategorie. Im Sinne der Eigenverantwortung für die Situation ist es völlig unerheblich, ob die Frau oder ihre Familie eine unterschiedliche Situationsinterpretation vornehmen. Die "Kollektivverantwortung" entscheidet über die Steuerung der Wahrnehmung-, Beurteilungs-. und Handlungsprozesse.
Die oben beschriebene externale Kausalattribuierung, d.h. die Ursachen für eine Handlung werden, außerhalb der Person angesiedelt, führt dazu, daß das Verhalten der Frau nicht eigenverantwortlich interpretiert wird, sondern sie durch die nicht entsprechende Führung und Kontrolle der Familie, sich in diese eine Situation begeben kann. Hieraus resultiert, daß der Umgang mit dieser Familie zu meiden ist, da sie ihren Mitgliedern gestattet bzw. nicht genug Kontrolle ausüben kann, so daß es möglich wird, daß weibliche Familienmitglieder sich in diese Situation begeben können.
Um der sozialen Ausgrenzung zu entgehen ist es für die Familienehre von unabdingbarer Notwendigkeit alle Belange zu kontrollieren. Jegliche Nichtkontrolle einer Situation, könnte den Kulturstandard Familienehre gefährden und damit auch die Legitimationsbasis für das kollektive Lebensgefüge.
Die Eigenverantwortlichkeit für das Verhalten ist sekundär.
Ist der Landsmann in dem oben beschriebenen Sinne nicht an der Situation "beteiligt", so können in Abhängigkeit seines eigenen Ehrgefühls (onur und seref) folgende Wahrnehmung-, Beurteilungs-, und Handlungsprozesse ablaufen: Wenn eine Frau alleine sich in der Discothek aufhält, raucht und sich amüsiert, so muß es eine Frau sein, die ihr Ehrgefühl (namus) verloren hat, da sie die Möglichkeit hat, sich in diese Situation zu begeben, in der sexuelle Kontakte möglich sind. Wenn eine Frau unehrenhaft (namussuz) ist, so ist es auch möglich mit ihr in sexuellen Kontakt zu treten, da sie ihre Existenzgrundlage in einer Gemeinschaft durch den Verlust ihrer Ehre (namus) verloren hat.
Auch hier spielt die externale situative Kausalattribution die entscheidende Wahrnehmung- und Beurteilungskategorie. Auch hier ist die Eigenverantwortung der Frau für den Situationskontext unerheblich.

An diesem alltäglichen Beispiel werden die kulturellen Implikationen psychischer Entwicklung und Bewertung von Situationskontexten sehr deutlich. In diesem ganzen Situationkontext, wobei auf die kulturimmanenten Mechanismen der Wiederherstellung der (Familien)ehre hier leider nicht näher eingegangen werden kann, ist die Eigenverantwortung für die Kontextbedingungen dieser Frau von sekundärer Bedeutung. Allein der Situationskontext reicht aus, um ein Mechanismus von Wahrnehmung, Beurteilung und Handlung auszulösen, der keine individuelle Beurteilung und Bewertung zuläßt. Aus dieser Dynamik heraus wird nicht nach persönlichen Entwicklungen und Veränderungen beurteilt (Eigenverantwortlichkeit für ein Handeln), sondern nach Kulturstandards, die es zu erfüllen gilt. Tendenziell gilt, je "östlicher", um so geringer der Glaube an eigene Einflußmöglichkeiten (vgl. Özelsel). Das Fühlen, Denken und Handeln eines Menschen hat deshalb eine starke kulturabhängige Dimension. So basiert das Konzept der Eigenverantwortung stark auf einer westlich geprägten kulturellen Wertorientierung.

Das Konzept der Eigenverantwortung in einer multikulturellen Gesellschaft
Durch die Zuwanderung in die Bundesrepublik seit den 60'iger Jahren ist die Gesellschaft multikulturell geprägt. Diese anderen und oftmals fremden Kulturen bringen ihre Kulturstandards in das gesellschaftliche Leben mit ein. Die Migrationssituation bringt mit sich, daß Menschen in der Fremde bei Krisen- und Konfliktsituationen auf bewährte Bewältigungsmechanismen zurückgreifen. Oft werden heimatkulturell orientierte Strategien zur Lebensbewältigung in der Migration noch stärker vertreten, da das Leben in einer anderen Kultur mit Verunsicherung und Ängsten, fehler zu machen, einhergeht. In der Migrationsituation haben diese Handlungskompetenzen keine Gültigkeit bzw. nach ihrer Anwendung stellt sich der Erfolg nicht wie beabsichtigt her. Ihre Erfahrung zeigt, daß sie mit ihren Konfliktlösestrategien nicht weiterkommen. Wesentliche Grundstrukturen für das Leben, die erworben wurden, müssen relativiert werden, da die 'Schlüssel nicht mehr in die Schlösser passen'.

Moderne Problemlöseansätze stellen die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Entscheidungskraft in den Vordergrund. Gerade diese Ziele sind es, die von den Vorstellungen über das Lebenskonzept orientalischer Kulturen abweichen. Es sollen Kompetenzen gefördert werden, die nach den Vorstellungen über das Zusammenleben, gerade nicht förderlich sind. So steht der Stärkung der Eigenverantwortlichkeit die Achtung vor den Älteren und die Unterordnung an ihre Anweisungen, der Selbstständigkeit die Akzeptanz der Autorität und der Unabhängigkeit, die einzuhaltende Rangordnung, entgegen.

Für Dimensionen der Multikulturalität einer Gesellschaft bedeutet dies, daß das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft eine Herausforderung zur Reflexion von Kulturstandards bzw. einer Überprüfung auf Gültigkeit in verschiedenen Kontexten bedarf. Dies geht mit einer Bereitschaft einher, von der statitischen Unveränderbarkeit von Kulturstandards abzurücken. Es muß ein Verständnis für den dynamischen Prozeß gesellschaftlichen Zusammenlebens gefördert werden. Um ein Zusammenwachsen der Kulturen zu fördern, ist es Notwendig, gemeinsam und mit Neugier die Konzeptionen des Zusammenlebens transkulturell zu betrachten, um Veränderungsprozesse und damit kulturellen Austausch und Transformation zu ermöglichen. Transkulturalität bedeutet, über den kulturellen Austausch gemeinsam eine neue, andere Sichtweise zu ermöglichen und damit einen gemeinsamen Veränderungsprozess zu beginnen. Das Zusammentreffen der Kulturen sollte als ein dialogisch zu konstruierendes Produkt, das erst durch den Kontakt der "beiden Kulturen" zustandekommt, verstanden werden. Dabei können sowohl neue "dritte Lösungen" ("Synergie") als auch eine Verständigung über Gemeinsamkeiten und vorhandene (vgl. Krewer 1996). Überschneidungsbereiche aus der Sicht der beteiligten Kulturen erzielt werden
Dies gelingt jedoch nur, wenn einer fremden Kultur mit Wertschätzung begegnet wird und in der Kontaktsituation gegenseitige Bereitschaft und Aufrichtigkeit besteht, neue Wege kultureller Erfahrungen zu gehen.


Literatur:

  • Krewer, B. 1996 Kulturstandards als Mittel der Selbst- und Fremdreflexion in interkulturellen Begegnungen
    in: Thomas, A. (Hrsg.): Psychologie interkulturellen Handlens, Hogrefe Verlag, Göttingen
  • Özelsel, M. 1990 Migration und Gesundheit, Profil, München, Reihe Wissenschaft, Schwerpunkt Psychologie: Bd 19
  • Petersen, A. 1985 Ehre und Scham, Experss-Edition, X-Publikationen, Berlin
  • Schiffauer, W. 1980 Die Gewalt der Ehrein: Kursbuch 62, Vielvölkerstaat Bundesrepublik, Rotbuch Verlag, Berlin

* Die ethnologischen Ausführungen im Text basieren auf kulturelle Dimensionen türkischer Landkultur. Besonders möchte ich auf Veränderungen und Modifikationen der beschriebenen kulturellen Dimensionen hinweisen. Vor allem gilt dies für Menschen die eine Wanderung in die Stadt (Binnenwanderung) oder in ein anderes Land vollzogen haben. Die Bewertung kultureller Identität ist ein dynamischer Prozeß, welcher sich durch die Interaktion mit der Umwelt in einer ständigen Gestaltungsdynamik befindet. So sind die Ausführung nicht als starr und unverrückbar zu bewerten, sondern sind eher als Versuch zu verstehen, durch Extrempositionen Unterschiede herauszuarbeiten.

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